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Zehn Jahre war er verschollen, doch 1814 taucht James Keziah Delaney pünktlich zur Beerdigung seines Vaters wieder in London auf – ein Ereignis, das... Taboo: Staffel 1 – Der Geist der Kolonialzeit

 

Zehn Jahre war er verschollen, doch 1814 taucht James Keziah Delaney pünktlich zur Beerdigung seines Vaters wieder in London auf – ein Ereignis, das weitreichende Folgen bis in die obersten politischen und gesellschaftlichen Kreise nach sich zieht.

Lange galt James Keziah Delaney (Tom Hardy) als verschollen - doch nach dem Tod seines Vaters kehrt der Einzelgänger im Jahre 1814 nach London zurück. (© Concorde Home Entertainment)

Lange galt James Keziah Delaney (Tom Hardy) als verschollen – doch nach dem Tod seines Vaters kehrt der Einzelgänger im Jahre 1814 nach London zurück. (© Concorde Home Entertainment)

Im frühen 19. Jahrhundert ist das britische Reich zwar eine weltumspannende Kolonialmacht, in London geht es allerdings bisweilen wenig zivilisiert zu. Selbst einem James Delaney (Tom Hardy) ist die dortige Gesellschaft zuwider und er hat immerhin lange Jahre in Afrika verbracht – inklusive Erfahrungen mit allgemein als primitiv angesehenen Riten und Kulturen. Doch Delaney hat einen guten Grund für die Rückkehr: Sein Vater ist kürzlich verstorben und hat ihn als Alleinerben eingesetzt. Dennoch ist seine Rückkehr ein Schock für viele Londoner, schließlich galt Delaney als tot, umgekommen bei einem Schiffsunglück vor der afrikanischen Küste. Insbesondere seiner Halbschwester Zilpha Geary (Oona Chaplin) setzt das unerwartete Wiedersehen zu – nicht zuletzt, weil sie dadurch ihren Anspruch aufs Erbe verliert. Dadurch wird Delaney auch interessant für die East India Company, die es auf ein Stück Land abgesehen hat, dass Delaney Senior einst erworben hatte. Denn durch den Krieg zwischen den Briten und den Amerikanern besitzt der schmale Küstenstreifen Nootka Sound eine sehr hohe Relevanz aufgrund seiner strategisch wichtigen Lage.

Als die East India Company unter Führung von Stuart Strange (Jonathan Pryce) die bereits weit fortgeschrittenen Verhandlungen mit Zilpha und ihrem Mann Thorne Geary (Jefferson Hall) nun mit James fortsetzen möchte, reagiert dieser allerdings unerwartet äußerst ablehnend. Denn  ihm sind all die Details sehr wohl bekannt und mit dieser Grundlage will er das familieneigene Handelsunternehmen wieder zu altem Glanz verhelfen. Damit macht er sich allerdings auf einen Schlag mehrere Feinde, neben der East India Company auch die britische Krone und – mit Abstrichen – die Amerikaner.

Auch Geary legt sich immer wieder mit Delaney an, da dieser durch seine Rückkehr Gearys gesellschaftlichen Aufstieg durchkreuzt hat. Die restlichen Mitglieder der Londoner Oberschicht begegnen Delaney größtenteils mit Argwohn, da schnell Gerüchte über dessen Zeit in Afrika die Runde machen und unter anderem von Voodoo und sogar einem Pakt mit dem Teufel die Rede ist. Allerdings versammelt der zielstrebige und gerissene Delaney nach und nach auch Verbündete um sich, neben seinem loyalen Butler Brace (David Hayman) hält ihm vor allem der in der Londoner Unterwelt sehr gut vernetzte Atticus (Stephen Graham) den Rücken frei. Und zur Not kann sich der sich selbst jegliche Vernunft absprechende Delaney auch sehr gut verteidigen, was seine Gegner sehr schnell feststellen müssen…

Zuvor verbrachte er rund zehn Jahre in Afrika, wo er allerlei fremde Kulturen kennen lernte. (© Concorde Home Entertainment)

Zuvor verbrachte er rund zehn Jahre in Afrika, wo er allerlei fremde Kulturen kennen lernte. (© Concorde Home Entertainment)

Ein Dreckloch namens London

Im frühen 19. Jahrhundert war London offenbar kein Ort mit hoher Lebensqualität, wenn man der Darstellung in Taboo glauben darf. Das typische englische Wetter überrascht wohl niemanden mehr, das bis auf wenige Ausnahmen ziemlich heruntergekommene Stadtbild hingegen passt so gar nicht zum Gedanken an eine reiche Kolonialmacht. Zugegeben sieht es im Inneren der Gebäude oft anders und wesentlich luxuriöser aus, in den unbefestigten Straßen bestimmen jedoch Dreck und die Hinterlassenschaften der Pferdekutschen das Bild – offenbar passend zu den dominanten Charakterzügen der meisten Einwohner des damaligen Londons. Auch die Szenen im Hinterhof der Kneipe, in der sich die Trauergemeinde nach der Beerdigung von James‘ und Zilphas Vater einfindet, sollte man nicht unbedingt während des Essens betrachten. Der Zusammenhang zwischen regelmäßiger Zahnpflege und einem gesunden Lächeln wird ebenfalls eindrucksvoll durch eine Vielzahl unästhetischer Gebisse demonstriert, von der allgemeinen Hygiene ganz zu schweigen. Lediglich die Mitglieder der gehobenen Gesellschaftsschichten machen hier zumindest im Normalfall einen angenehmeren Eindruck, haben allerdings grundsätzlich auch kein Problem damit, sich vulgärer Sprache oder der etwas verbraucht aussehenden Huren zu bedienen. Als eine solche (beziehungsweise als Bordellbetreiberin) ist übrigens die deutsche Schauspielerin Franka Potente zu sehen, die zuletzt vorwiegend in TV-Produktionen und Serien auftrat. Zwar wirkt ihr Rollenname „Helga von Hinten“ zunächst so, als hätte einer der Drehbuchautoren einfach nur einen pubertären Witz unterbringen wollen, doch die Figur ist durchaus zentraler Bestandteil der Entwicklungen rund um James Delaney. Und die international erfahrene Potente liefert hier auch im englischen Original eine sehr souveräne Vorstellung ab.

In der alten Heimat hat niemand mehr mit seiner Rückkehr gerechnet - auch nicht Delaneys Halbschwester Zilpha (Oona Chaplin). (© Concorde Home Entertainment)

In der alten Heimat hat niemand mehr mit seiner Rückkehr gerechnet – auch nicht Delaneys Halbschwester Zilpha (Oona Chaplin). (© Concorde Home Entertainment)

Im Fokus steht allerdings logischerweise Hollywood-Star Tom Hardy („Legend“, „The Revenant“), der den mysteriösen Delaney verkörpert und im positiven Sinne ein wenig wie aus der Zeit gefallen wirkt. Allein optisch hebt er sich massiv von den übrigen Figuren ab. Während die Männer im Allgemeinen mit lockigen Haaren und stolz präsentierten Koteletten herumstolzieren, ist der vergleichsweise wohlhabende Delaney mit Undercut-Frisur und Vollbart optisch deutlich näher an den Herrschaften der gesellschaftlich niedrigeren Schichten. Aufgrund der ihm nachgesagten Primitivität, bedingt durch seinen langen Aufenthalt in Afrika und seine Abstammung, passt das allerdings sehr gut zur Figur, die auch im übrigen Auftreten vom allgemein vorherrschenden Duktus abgesehen ebenfalls recht wenig mit ihren Mitmenschen gemein hat.
Auch Delaneys Mitstreiter Atticus, gespielt von Stephen Graham („Pirates of the Caribbean“, „Hyena“), macht optisch keinen Hehl aus seiner Distanz zur Oberschicht. Gewagte Tätowierungen, gelegentlicher Einsatz von Gewalt und ein ziemlich gerissener Grundcharakter machen ihn natürlich fast schon zwangsläufig zu einem verlässlichen Begleiter Delaneys, allerdings bildet er als mit einer guten Portion Humor einen gelungenen Konterpart zum nur selten eine Miene verziehenden Protagonisten. Das greift auch Tom Hollander („The Night Manager“) als Chemiker Dr. George Cholmondeley auf, der im Zusammenspiel mit Hardy für reihenweise sehr komische und erfrischende Momente sorgt.

Delaneys Rückkehr löst auch bei Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) von der East India Company alles andere als Freude aus. (© Concorde Home Entertainment)

Delaneys Rückkehr löst auch bei Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) von der East India Company alles andere als Freude aus. (© Concorde Home Entertainment)

Spannend erzähltes Drama

Überhaupt ist Taboo mit einer ganzen Reihe großer Namen besetzt, was für in letzter Zeit veröffentlichte Serien anscheinend eine zwingende Voraussetzung ist. Absolut nachvollziehbar natürlich, denn die hochkarätige Besetzung trägt auch wesentlich zur hohen Qualität der Serie bei und hält die Spannung fast durchgängig sehr hoch. Oona Chaplin („Game of Thrones“, „Kein Ort ohne dich“) ist hier natürlich an der Seite des erfahrenen Seriendarstellers Jefferson Hall („Vikings“) an erster Stelle zu nennen, schließlich steht sie als Delaneys Halbschwester im Mittelpunkt der wichtigsten Sekundärhandlung. Die einzelnen Stränge werden insgesamt sehr gut miteinander verknüpft, ohne Lücken zu reißen oder den Erzählungsfluss zu zerstückeln. Einige Fragen bleiben zwar (bewusst?) offen – daran wird sich die zweite Staffel messen lassen müssen. Die erste Staffel einer Serie funktioniert aufgrund der längeren Entwicklungsphase schließlich meistens besser als die Fortsetzung, insbesondere wenn diese ausschließlich ob des Erfolgs der ersten Staffel umgesetzt wird. Taboo hat allerdings ohne Frage trotz der bisher erzählten ereignisreichen Geschichte noch eine Menge Potenzial.

Im negativen Sinne gilt das auch für das Bonusmaterial der Blu-ray, die nämlich tatsächlich nur die Trailer zur Serie enthält. Erstaunlich wenig für eine Serie, insbesondere wenn der Hauptdarsteller auch noch als Co-Produzent mitmischt und gemeinsam mit seinem Vater Edward an der Entwicklun beteiligt war. Zumindest ein Interview hätte es also sein dürfen, auch auf geschichtliche Zusammenhänge ließe sich hier natürlich wunderbar eingehen. Andererseits hat der Fokus auf die Handlung natürlich auch Vorteile.
Technisch macht die Blu-ray zudem einen sehr guten Eindruck, sowohl Bild als auch Ton liegen auf sehr hohem Niveau. Die gefilterten Aufnahmen eines kalten und verregneten Londons wissen zu gefallen, auch in den häufig dunklen Szenen gibt es nur geringe Schwächen zu verzeichnen. Die häufigen Flashbacks und „Halluzinationen“ Delaneys heben sich durch Kameraführung und Bildkomposition sehr gut von „normalen“ Szenen ab, wodurch man stets einen guten Überblick über das Geschehen behält. Klanglich beeindrucken vor allem die direktionalen Effekte und die zunächst recht rar gesäten Actionsequenzen, in denen auch die Filmmusik bemerkenswert mitmischt. Wer des Englischen mächtig ist, sollte übrigens auf den Originalton zurückgreifen, da Hardys Darstellung hier noch einen Tick besser zur Geltung kommt als in der deutschen Synchronisierung.

Die Company hat es nämlich auf ein Stück Land aus Delaneys Erbe abgesehen, dass dieser allerdings kurzerhand für unverkäuflich erklärt - und die East India Company in einen brutalen Kleinkrieg verwickelt. (© Concorde Home Entertainment)

Die Company hat es nämlich auf ein Stück Land aus Delaneys Erbe abgesehen, dass dieser allerdings kurzerhand für unverkäuflich erklärt – und die East India Company in einen brutalen Kleinkrieg verwickelt. (© Concorde Home Entertainment)

Fazit

Die Mini-Serie Taboo liefert hervorragende Unterhaltung und eine sehr konsequent durchgeplante Geschichte. Mit der hochkarätigen Besetzung um Tom Hardy und Oona Chaplin wirkt Taboo viel mehr wie eine Hollywood-Produktion mit massiver Überlänge, denn die acht Episoden sind kaum in unterschiedliche Kapitel zu trennen, so flüssig wird das düstere Drama erzählt. Wer hier die Blu-ray einlegt, wird es wohl kaum bei einer Folge belassen…

„Taboo – Staffel 1“ ist als DVD und Blu-ray im Vertrieb von Concorde Home Entertainment erhältlich.

Genre
Drama/TV-Serie

Altersfreigabe
ab 16 Jahren

Laufzeit
ca. 450 Minuten

Regie
Kristoffer Nyholm

Cast
Tom Hardy, Oona Chaplin, Stephen Graham, Franka Potente, Johnathan Pryce, Michael Kelly, Jefferson Hall, David Hayman

90 %

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