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Redakteur
Als der Grenzpolizist Volt im Einsatz einen Flüchtling tötet, gerät sein eigenes Leben völlig aus den Fugen. Gefangen zwischen zwei Welten plagen ihn sein... Volt – Kurzschluss mit Folgen

 

Als der Grenzpolizist Volt im Einsatz einen Flüchtling tötet, gerät sein eigenes Leben völlig aus den Fugen. Gefangen zwischen zwei Welten plagen ihn sein Gewissen und die Frage, auf welcher Seite er steht.

In nicht allzu ferner Zukunft begegnet der Staat dem Flüchtlingsansturm mit überfüllten Transitzonen. (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

In nicht allzu ferner Zukunft begegnet der Staat dem Flüchtlingsansturm mit überfüllten Transitzonen. (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

Die Flüchtlingskrise hat Deutschland an den Rand seiner Kapazitäten gebracht. Offene Grenzen sind Geschichte, streng bewachte Übergänge die Gegenwart. Transitzonen sind die einzige Zuflucht für Menschen aus aller Welt, die in den weitgehend rechtsfreien Ghettos darauf warten, irgendwie an die ersehnte Aufenthaltserlaubnis zu kommen – stets bedroht vom Rücktransport in ihre Heimat. Zwangsläufig keimen Gewalt und Kriminalität in den Slums an den Grenzen und die eingesetzten Polizeikorps reagieren mit zunehmender Härte gegen jede Art von unerwünschtem Verhalten. Für die Truppe um Volt (Benno Fürmann) und seinen Freund und Kollegen Torsun (Sascha Alexander Geršak) wird der tägliche, anonyme und konfliktreiche Kontakt zu den Flüchtlingen zur unmenschlichen Belastung. Bei einem nächtlichen Einsatz eskaliert die Lage, als Volt den Nigerianer Hesham (Tony Harrisson) verfolgt. Dieser attackiert ihn aus einem Hinterhalt, verletzt ihn und wird schließlich im Zweikampf von Volt getötet.

Die Presse stürzt sich sofort auf den Todesfall und stellt einen Zusammenhang zum Polizeieinsatz her. Zwar wird Volt weder verdächtigt noch gibt es Beweise für seine Schuld, dennoch belastet ihn die Tat schwer. Als interne Ermittlungen anlaufen und der Beamte Hassan-Zedah (Kida Khodr Ramadan) Nachforschungen anstellt, verändert sich die Stimmung in der Truppe um Volt. Statt wie bisher nach der Schicht ein Bier zu trinken, keimt schnell Misstrauen auf. Vor allem nachdem ein angeblicher Zeuge auftaucht, den Torsun, Bea (Anna Bederke) und Adama (Denis Moschitto) zum Schweigen bringen wollen. Das geht Volt zu weit, der sich ohnehin schon vom Rest der Truppe abkapselt und auf eigene Faust nächtliche Ausflüge in die Transitzone unternimmt. Dort trifft unter anderem auf LaBlanche (Ayo), die Schwester von Hashem. Je mehr er über die beiden Welten dies- und jenseits der Grenze erfährt, desto mehr fragt er sich, auf welcher Seite er eigentlich steht…

Polizeikorps sorgen an den Grenzzäunen für Ordnung - mittendrin die Einheit von Volt (Benno Fürmann) und Torsun (Sascha Alexander Geršak). (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

Polizeikorps sorgen an den Grenzzäunen für Ordnung – mittendrin die Einheit von Volt (Benno Fürmann) und Torsun (Sascha Alexander Geršak). (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

Brutale Dystopie

Mit Volt führt Drehbuchautor und Regisseur Tarek Ehlail die aktuelle Debatte um die Zuwanderung gen Deutschland gedanklich weiter in eine düstere Zukunft, die allerdings trotz aller Extreme durchaus noch im Rahmen des Vorstellbaren liegt. Auch weil Ehlail kein allzu strenges Gerüst vorgibt, vor allem über die Figuren in Volt erfährt das Publikum wenig. Ein paar Einblicke in die privaten Lebensumstände gibt es, ein bisschen oberflächliche Psychoanalyse, das war es. Die Botschaft von Ehlail ist klar: Es geht um die Gesamtsituation, nicht um Einzelpersonen. Auch der Ort der Handlung ist egal, es kann schließlich überall passen, jedem und jederzeit. Ähnliche Settings gab es bereits des Öfteren, etwa in „Die Klapperschlange“ oder „Ghettogangz“ (bzw. „Banlieue 13“), allerdings noch nicht in so greifbarer Form wie in Volt. Gerade weil Ehlail relativ viele Details rund um die Transitzonen offen lässt, können diese Lücken zur besseren Identifikation individuell gefüllt werden. Lediglich die unmittelbar relevanten Rahmenbedingungen werden vorgegeben, um klarzustellen, dass das Leben in der Transitzone nichts mit den heutigen Flüchtlingsheimen zu tun hat.

Bei einem Einsatz verliert Volt jedoch die Kontrolle und tötet im Zweikampf den Flüchtling Hesham (Tony Harrisson). (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

Bei einem Einsatz verliert Volt jedoch die Kontrolle und tötet im Zweikampf den Flüchtling Hesham (Tony Harrisson). (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

Auch die konkreten Umstände, die zum folgenschweren Einsatz Volts führen, bleiben im Dunkeln. Dennoch wirkt dieser fiktive Fall in Volt – so traurig das ist – in Relation zur realen Polizeigewalt in den USA noch harmlos. Schließlich wird Volt wiederholt vom flüchtenden Hashem attackiert, bis er ihn schließlich im Affekt tötet. Eine Mordanklage würde es dafür wohl auch heute schon kaum geben, erst recht nicht in der im Film zugrunde gelegten Realität. Denn die ist äußerst brutal, ein Zwei-Klassen-Denken ist in Volt allgegenwärtig und wird nicht im Geringsten hinterfragt. Begriffe wie „Blacky“ oder „Kanacke“ sind selbstverständlicher Bestandteil jedes Gesprächs und selbst die unverkennbar mit ausländischen Wurzeln ausgestatteten Polizisten machen hier keinen Unterschied. Der generelle Umgangston der Beamten ist hart, ein Unterschied zwischen sich unter Freunden reingedrückten Sprüchen und ernst gemeinten Beleidigungen kaum erkennbar. Mit Familie und/oder Eigenheim in der Reihenhaus-Neubausiedlung kämpft letztlich eben doch jeder um die eigene Existenz, wenn es hart auf hart kommt.

Obwohl Volt von Schuldgefühlen geplagt wird, behält er sein Geheimnis für sich - selbst als der anonyme Mord bekannt wird. (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

Obwohl Volt von Schuldgefühlen geplagt wird, behält er sein Geheimnis für sich – selbst als der anonyme Mord bekannt wird. (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

Selbstzerstörung im Eiltempo

Dieser Wandel von der verschworenen Truppe hin zur Ansammlung von Einzelkämpfern gelingt dem Cast sehr gut, wenngleich im mit 80 Minuten Spielzeit vergleichsweise kurz angelegten Thriller nur wenig Zeit zur Entfaltung bleibt. Vor allem die Dynamik zwischen Fürmann („Die vierte Gewalt“) und Geršak („Outside The Box“) benötigt aber kaum Zeit, um die Beziehung ihrer Figuren deutlich zu machen. Damit erinnert Volt frappierend an den ebenfalls im Polizei-Milieu angesiedelten Thriller „Wir waren Könige“ (ebenfalls mit Geršak), der genauso schonungslos die Selbstzerfleischung eines vermeintlich eingeschworenen Teams und zweier Freunde und Kollegen erzählt. Im Unterschied zu „Wir waren Könige“ spielt in Volt allerdings auch der äußere Einfluss in Person von Kida Khodr Ramadan („Männertag“, „Wie Männer über Frauen reden“) eine Rolle, der als interner Ermittler initial die Spannungen verursacht, die sich dann von selbst potenzieren. In dem Zuge ist auch Anna Bederke („Sommerfest“, „Schrotten!“) hervorzuheben, die in allen Belangen Mut zur Hässlichkeit zeigt und als knallharte Bea mit vernarbtem Gesicht, brutalem Auftreten und abschätzigen Äußerungen eine ganz neue Seite zeigt.

Als interne Ermittlungen in Person von Hassan-Zedah (Kida Khodr Ramadan) anlaufen, droht die Truppe an Misstrauen zu zerbrechen. (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

Als interne Ermittlungen in Person von Hassan-Zedah (Kida Khodr Ramadan) anlaufen, droht die Truppe an Misstrauen zu zerbrechen. (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

Das Kalte und Dreckige passt natürlich auch hervorragend zur Darstellung der Welt in Volt, in der fast immer Nacht oder graues Schmuddelwetter herrscht. Im Zweifel machen entsprechende Filter deutlich, dass das Leben hier unangenehm und hart ist. Dennoch ist das Bild der Blu-ray gestochen scharf und detailreich. Gelegentlich spielt Ehlail mit optischen Effekten und versteckt bestimmte Elemente auf diese Weise, grundsätzlich ist die Qualität aber sehr hoch. Auch klanglich gibt es an der Tonspur im DTS-HD Master Audio 5.1 kaum etwas auszusetzen. Vereinzelt gehen die Dialoge etwas unter, dafür überzeugen die direktionalen Effekte der Actionszenen umso mehr. Auch die Energie des Tons ist beeindruckend, sei es in den Wortgefechten unter den Polizisten oder beim Einsatz der vorwiegend aus dem Industrial-Bereich stammenden Filmmusik, die kraftvoll aus den Boxen wummert. Einziges Manko ist das knapp bemessene Bonusmaterial, das auf ein Making-Of verzichtet und stattdessen primär auf entfallene Szenen setzt. Empfohlen sei daher der Audiokommentar, um etwas mehr über die Hintergründe des Films zu erfahren.

Aufgrund der Folgen seiner Tat beschließt Volt, das Kapitel ein für allemal abzuschließen... (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

Aufgrund der Folgen seiner Tat beschließt Volt, das Kapitel ein für allemal abzuschließen… (© Felix Gemein / Augenschein Filmproduktion GmbH)

Fazit

Mit dem packenden Thriller Volt hat Tarek Ehlail ein verstörendes Bild einer nahen Zukunft gezeichnet, in der Fremdenhass und Gewalt eine gefährliche Mischung darstellen. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der eigentlich für Ordnung sorgen soll und stattdessen durch einen Moment der Unbeherrschtheit eine folgenschwere Kettenreaktion auslöst. Benno Fürmann verkörpert diesen Mann, dessen Spitzname auch dem Film seinen Titel gibt, mit beeindruckender Intensität und Natürlichkeit, die das nicht allzu abwegige Szenario noch greifbarer machen. Besonders wirkungsvoll erweist sich dabei Ehlails Ansatz, die Geschichte so wenig wie möglich an Fixpunkte zu binden, um zu verdeutlichen, dass eine Eskalation wie hier gezeigt jederzeit und überall denkbar wäre. Erschreckend genug, wäre die aktuelle Realität in Einzelfällen nicht schon wesentlich brutaler…

„Volt“ ist als DVD und Blu-ray im Vertrieb von Lighthouse Home Entertainment erhältlich.

Genre
Thriller/Drama

Altersfreigabe
ab 16 Jahren

Laufzeit
ca. 80 Minuten

Regie
Tarek Ehlail

Cast
Benno Fürmann, Sascha Alexander Geršak, Anna Bederke, Kida Khodr Ramadan, Ayo Ognunmakin, Denis Moschitto, Tony Harrisson, André M. Hennicke, Stipe Erceg

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