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Redakteur
Austreten – Missverständnis auf Bayrisch

Ein falsches Wort zur falschen Zeit und schon ist die politische Katastrophe perfekt. Eigentlich wollte Bayerns Ministerpräsident Reitmayer nur kurz zur Toilette, doch plötzlich sieht er sich mit der drohenden Abspaltung seines Bundeslandes von Deutschland konfrontiert.

Kathi (Tanja Schmidbauer) steckt mitten in den Vorbereitungen aufs Abitur, als ihrem Vater ein Fauxpas unterläuft. (© EuroVideo)

Kathi (Tanja Schmidbauer) steckt mitten in den Vorbereitungen aufs Abitur, als ihrem Vater ein Fauxpas unterläuft. (© EuroVideo)

 

Mit der politischen Ausrichtung auf Bundesebene sind die einzelnen Länder ja ohnehin nie so richtig einverstanden, vor allem und traditionell nicht in Bayern. So sieht sich Ministerpräsident Johann Reitmayer (Markus Böker) beständig mit Nachfragen zu seiner Haltung gegenüber der Regierung und ihren Entscheidungen bedacht. Die jüngste Pressekonferenz ist keine Ausnahme, zusätzlich plagt ihn dabei aber auch noch eine volle Blase. In aller Kürze werden die Fragen der anwesenden Journalisten abgearbeitet, dann verabschiedet sich Reitmayer in die Pinkelpause. Leider bedient er sich in diesem Zusammenhang des Begriffs „Austreten“, der von seinem Publikum sofort auf eine politische Ebene übertragen wird und für allgemeine Verblüffung sorgt. Sofort setzt sich eine Kettenreaktion in Gang und große Teile der bayrischen Bevölkerung befürworten den vermeintlichen Plan. Reitmayer sucht sein Heil daraufhin in der Flucht und taucht erst einmal bei seiner Familien auf dem Land unter. Dort hat er zunächst ganz andere Probleme zu bewältigen, da er nach jahrelanger Abwesenheit nicht so begeistert empfangen wird wie erhofft. Doch schon am nächsten Morgen hat ihn die Presse ausfindig gemacht und belagert nun auch noch seine Familie. Erneut verschwindet Reitmayer, dieses Mal versteckt im Lieferwagen des Kurierfahrers Jeff (Maximilian Schaffner). Während sich die politische Lage zuspitzt und Reitmayers Kinder Kathi (Tanja Schmidbauer) und Martl (Andreas Obermeier) der Spur ihres Vaters quer durch Bayern folgen, hat der Ministerpräsident endlich Zeit, er selbst zu sein und sich darüber klar zu werden, was wirklich wichtig ist …

Dumm nur, dass Kathis Vater der bayrische Ministerpräsident ist und unbedacht den Austritt Bayerns aus der BRD ankündigt - mit ungeahnt positiven Resonanzen der Bevölkerung. (© EuroVideo)

Dumm nur, dass Kathis Vater der bayrische Ministerpräsident ist und unbedacht den Austritt Bayerns aus der BRD ankündigt – mit ungeahnt positiven Resonanzen der Bevölkerung. (© EuroVideo)

 

Eigentlich sollte man meinen, dass unbedachte Äußerungen von Politikern heutzutage nicht mehr allzu ernst genommen werden – zu oft fallen recht fragwürdige Sätze, die in kürzester Zeit wieder revidiert werden. Daher ist es sicherlich kein Zufall, dass die Vertreter der Politik in Austreten mitunter sehr deutlich an real existierende Persönlichkeiten erinnern. Trotzdem geht es in der über weite Strecken sehr bayrisch klingenden Komödie (keine Sorge, es gibt hochdeutsche Untertitel) gar nicht so sehr um die politischen Details einer Abspaltung Bayerns, sondern vielmehr um familiäre Beziehungen und – damit verwoben – um die Funktions- und Wirkungsweise der modernen Medienwelt. Inklusive sensationsgierender Journalisten und auf Followerzahlen ausgerichtete Hobby-Pseudo-Reporter ohne jede gesunde Informationsgrundlage (übrigens auch mit deutlichen Verweisen auf die Realität), die Austreten auch einen kritischen Unterton verleihen.

Also zieht sich Ministerpräsident Reitmayer (Markus Bröker) erst einmal auf den Hof der Familie zurück. (© EuroVideo)

Also zieht sich Ministerpräsident Reitmayer (Markus Bröker) erst einmal auf den Hof der Familie zurück. (© EuroVideo)

 

Im Fokus steht allerdings die Stärke der Schmidbauerfilm-Produktionen, nämlich der Blick auf die liebenswürdigen Eigenarten der Bayern, die unter anderem „Hinterdupfing“ zu seinem Erfolg verholfen haben. Konsequenterweise ähnelt auch die Besetzung von Austreten sehr dem Cast seines bekannten Vorgängers, ebenso wie natürlich die Mitarbeiter im Stab. Allen voran natürlich die Geschwister Schmidbauer (Tanja und Andreas führten gemeinsam Regie), die sich trotz der Erfahrungen aus früheren Produktionen und der damit fortschreitenden Professionalisierung (unter anderem gut zu erkennen an sehr schönen und wirkungsvollen Kameraperspektiven) auch bei Austreten den Charme eines Amateurfilms bewahren – was nicht zuletzt die ausgiebigen Outtakes im Bonusmaterial nahelegen. Zwar wirken manche Szenen vielleicht etwas zu improvisiert und die vergleichsweise komplexe Geschichte mit mehreren parallel laufenden Handlungssträngen erschwert hier und da die Orientierung, doch das schmälert weder den Unterhaltungswert noch die teilweise fast schon unterschwellig eingestreuten Pointen. Sollte also jemand außerhalb von Bayern also der Ansicht sein, eine Abspaltung des südlichen Bundeslands wäre zu verschmerzen, kann nur hoffen, dass Heimatfilm-Komödien wie Austreten auch dann noch den Weg über die Grenze schaffen würden …

Als ihn auch dort die Presse belagert, flüchtet Reitmayer mit Unterstützung des Kurierfahrers Jeff (Maximilian Schaffner) in die Provinz. (© EuroVideo)

Als ihn auch dort die Presse belagert, flüchtet Reitmayer mit Unterstützung des Kurierfahrers Jeff (Maximilian Schaffner) in die Provinz. (© EuroVideo)

Fazit

Mit viel Charme und Selbstironie nimmt die bayrische Komödie Austreten die politischen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten des Freistaats ins Visier. Auf der Basis eines grandiosen Missverständnisses verflechten die Schmidbauer-Geschwister mit bewährtem Team Kritik mit Klamauk und ernste Themen mit humorvoller Leichtigkeit, die definitiv nicht nur in Süddeutschland Anhänger finden wird.

„Austreten“ ist als DVD und Blu-ray im Vertrieb der EuroVideo Medien GmbH erhältlich.

Genre
Komödie

Altersfreigabe
ab 0 Jahren

Laufzeit
ca. 111 Minuten

Regie
Andreas Schmidbauer, Tanja Schmidbauer

Cast
Markus Böker, Tanja Schmidbauer, Andreas Obermeier, Thomas Schmidbauer, Maurice Back, Christoph Obermair, Maximilian Schaffner, Christine Eixenberger, Peter Rappenglück, Stephanie Liebl, Lena Apelroth , Eisi Gulp

70 %

80 %

80 %

75 %

85 %

77 %

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