Home » Tests » Cayin Jazz 90 – Alleskönner mit Röhren-Power
11. Januar 2026
von Volker Frech
RedakteurCayin setzt mit dem Jazz 90 noch eins drauf und erweitert das Erfolgsrezept des Jazz 80: Die Klasse-Kombination aus traditioneller Röhrenverstärkung und aktuellem Bluetooth-HiRes-Streaming wird nun noch durch einen Phono-Input für die Vinyl-Wiedergabe komplettiert. Mit einem Plus an Power treibt der Amp auch anspruchsvollere Lautsprecher samt Subwoofer an – und ermöglicht dabei die Klang-Wahl zwischen Trioden- und Ultralinear-Modus. Welche Features und Finessen der Jazz 90 noch in petto hat, zeigt er in unserem Test..

Röhren-Power: Der Cayin Jazz 90 beeindruckt mit seinem imposanten Glimmkolben-Ensemble. Das Retro-Flair befördern auch die beiden VU-Meter.
Cayin hatte bei der Konzeption des Jazz 90 offenbar einen Alleskönner im Kopf. Das dabei zugrundeliegende Rezept ist scheinbar einfach: Man nehme den hochgelobten und vielverkauften Jazz 80, statte ihn zusätzlich mit einem Phono-Modul aus und trimme ihn zudem auf etwas mehr Leistung – fertig. Fertig? Von wegen: So leicht haben es sich die Chinesen nicht gemacht. Um Kraft, Lieferfähigkeit und Stabilität zu erhöhen, haben sie andere Treiberröhren gewählt, neue und auf die nunmehr veränderte Verstärkerschaltung ausgelegte Ausgangsübertrager entwickelt und zudem ein nochmals verstärktes Netzteil eingesetzt. So ist der Jazz 90 über seine zusätzliche Phono-Fähigkeit hinaus ein wirklich neuer Verstärker. Dabei besitzt er die komfortablen und pfiffigen Features, die bereits den Jazz 80 ausgezeichnet haben – und legt hier sogar noch zu. Schauen wir uns mal näher an, was der Jazz 90 alles kann.

Der Jazz 90 besitzt auch einen Korb, der sowohl die heißen Röhren als auch den stolzen Besitzer dieses Verstärkers schützt. Der aufsteckbare Käfig ist in der Finish-Farbe des Verstärkers gehalten – und ermöglicht durch seine Formgebung einen freieren Blick auf die glimmenden Röhren.
Attraktiver Auftritt
Den Unterschied zum Jazz 80 spüren und sehen wir direkt beim Auspacken: Wog der kleine und ältere Bruder knapp 17 Kilo, so wuchten wir mit dem frischen Jazz 90 satte 26 Kilo auf unseren Redaktionsschreibtisch. Diese deutliche Gewichtszunahme verdankt sich zuallererst der erwähnten neuen Trafo-Trias. Auch in der Ausdehnung beansprucht der Jazz 90 merklich mehr Platz. Mit den Maßen 22 mal 42 mal 38 Zentimeter hat er gegenüber dem kompakten, halbformatig anmutenden Bruder die volle HiFi-Dimensionierung. Unverändert ist hingegen die Attraktivität des Auftritts: Auch der Jazz 90 präsentiert sein imposantes Röhrenensemble auf einem robusten Metallgehäuse, welches ein sauber aufgetragener, hochglänzender Anthrazit-Metallic-Lack veredelt. Dank seiner Dotierung mit goldenen Partikeln verströmt das High Goss-Finish ein feines Funkeln. Dieser Lack nobilitiert auch die hintere Metallhaube, die sowohl den Transformator als auch die beiden Übertrager abschirmt, und den attraktiv designten Metallkäfig, der zum Schutz der Glimmkolben und des Verstärkerbesitzers auf das Deck aufgesteckt ist.

Die Spannungsverstärkung übernehmen in der Vorstufe zwei Röhren vom Typ12AX7. Die kleinen Doppeltrioden sind hier im Vordergrund zu sehen.
Sanft rastend, sahnig gängig
Dem Korpus des Jazz 90 ist eine ein Zentimeter starke Frontplatte aus gebürstetem und eloxiertem Aluminium vorgesetzt. Sie sorgt mit ihrem feinen Strichbild für einen sanften Schimmer. Bei unserem Testmodell ist sie silbern belassen, alternativ wird die oberflächenveredelnde Eloxierung in Schwarz realisiert. Diese Farbwahl bestimmt dann auch die Kolorierung der beiden metallenen Knöpfe. Mit dem linken, sanft rastenden Drehschalter wählt man die Quelle. Zur Verfügung stehen der neue Phono-Eingang für den Anschluss eines Plattenspielers, zwei Line-Inputs für andere analoge Zuspieler und eine Bluetooth-Schnittstelle. Der rechte Knopf dient der Lautstärkeregelung. Seine sahnige Gängigkeit haben wir insgeheim schon vorausgesetzt: Cayin verwendet seit jeher Premium-Potentiometer des renommierten japanischen Herstellers Alps. Wer den An/Aus-Knopf suchte: Der Kippschalter ist, wie immer bei Cayin-Verstärkern, auf der linken Wange des Gehäuses zu finden. Wer ihn betätig, startet das Aufwärm-Programm des Jazz 90. Es dauert eine gute Minute – und das ist auch gut so!

Der Input-Selector punktet bei der Wahl der Quelle mit sauberer Rastung.
Ikonische VU-Meter
Diese Softstart-Funktion mit Einschalt-Zeitverzögerung sorgt nämlich für eine Schonung aller Bauteile und somit für eine längere Lebensdauer insbesondere der Röhren. Während des Warm-ups blinkt ein weißer Strich auf der schwarzen Glasblende des Lautstärke-Knopfs. Ist der Startvorgang abgeschlossen, leuchtet der Strich beständig und dient ab nun der Orientierung bezüglich der Lautstärkeeinstellung. Zugleich indiziert ein sattes Klacken, dass Relais mechanisch und elektrisch sauber und sicher die Ausgänge freischalten. Dieses beruhigende Geräusch hören wir auch bei jedem Umschalten zwischen den Eingängen. Mit dem Einschalten wird zugleich die orangefarbene Beleuchtung der beiden VU-Meter illuminiert. Der Jazz 90 verströmt mit diesen klassischen Pegelanzeigen ein wohliges Retro-Flair und weckt Erinnerungen an die goldene HiFi-Ära, für die diese VU-Meter mit ihren zappelnden Zeigern geradezu ikonisch sind. Sie passen perfekt zu den ebenfalls orange glimmenden Röhren, die auf der Verstärkeroberseite thronen und natürlich der Haupt-Blickfang auch dieses in Manufaktur gefertigten Verstärkers sind.

Die beiden VU-Meter sind neben den Röhren der zweite Hingucker des Jazz 90 – und intensivieren als ikonischer Inbegriff des klassischen HiFi das Retro-Flair des Verstärkers.
Röhren-Klassiker mit Wahl-Option
In der Eingangsstufe besorgen zwei 12AX7 die Spannungsverstärkung. Diese Trioden sind aufgrund ihrer hohen Rausch-, Klirr- und Mikrofonie-Armut beliebt. Als Phasensplitter und Treiber für die Leistungsröhren kommen dann statt der im Jazz 80 verwendeten 12AU7 nun zwei 6SN7 zum Zuge. Diese Doppeltrioden agieren linearer, gelten als klanglich überlegen und sind leistungsfähiger. Sie können die nun folgenden Endstufenröhren also souveräner ansteuern. In der Ausgangsstufe verstärken vier Pentoden das Signal nach dem Push-Pull-Prinzip – also zwei Röhren pro Kanal und je eine Röhre pro Halbwelle. Standardmäßig ist der Jazz 90 mit vier KT88-Strahlpentoden bestückt. Ihnen wird eine hervorragende Auflösung und eine ausgezeichnete Höhen- und Bass-Wiedergabe attestiert. Mit dem KT88-Quartett bringt es der Jazz 90 auf 50 Watt pro Kanal. Alternativ können aber auch EL34-Pentoden eingesetzt werden, wenn man einen anderen Klangcharakter mit wärmerer Mittenwiedergabe bevorzugt. Hierfür bietet der Verstärker rückseitig einen Umschalter, der die Schaltung praktischerweise auf den verwendeten Leistungsröhrentyp anpasst.

Für die Endstufen-Röhren setzt Cayin beim Jazz 90 standardmäßig auf vier KT88.. Mit diesen Strahlpentoden bringt es der Verstärker auf eine Leistung von bis zu 50 Watt pro Kanal. Alternativ kann der Jazz 90 aber auch mit EL34-Pentoden betrieben werden.
Manueller Bias-Abgleich für optimale Performance
Damit die Endstufenröhren – egal, ob es KT88 oder EL34 sind – optimal agieren und zusammenarbeiten können, besitzt der Jazz 90 einen manuelle Bias-Abgleich. Mit ihm wird für jede entode separat der korrekte Ruhestrom eingestellt. Nur so ist gewährleistet, dass die Signale des rechten wie des linken Kanals und innerhalb eines Kanals auch die jeweiligen Signal-Halbwellen gleich und getreu verstärkt werden. Die Justage nimmt man mithilfe eines Schraubendrehers über vier Trim-Potis vor. Sie sind in das Deck des Verstärkers eingelassen. Mit den benachbarten „Bias Sel“-Tastern wählt man, welche der Endstufen-Röhre angepasst werden soll und nun mit einem Referenz-Prüfstrom für den Abgleich beschickt wird. Die korrekte Ruhestrom-Einstellung gelingt dann mithilfe des linken Displays. Es verändert nämlich seine Funktion, wenn man den ebenfalls auf der Verstärkeroberseite befindlichen „POW/BIAS“-Schalter umlegt. Dann verwandelt sich das linke VU-Meter in eine Bias-Anzeige: Steht die Nadel mittig auf der Bezeichnung „BIAS“, ist die betreffende Röhre optimal justiert.

Die manuelle Bias-Anpassung ermöglicht eine optimale Ruhestrom-Einstellung für jede Endstufenröhre. Dafür legt man zuerst den „METER“-Schalter auf die „BIAS“-Einstellung um, dann dient das linke Display als entsprechendes Anzeige-Instrument. Dann wählt man mit dem „BIAS SEL“-Taster die zu justierende Röhre aus und stellt mit einem Schraubendreher am zugehörigen „BIAS ADJ.“-Trimmpoti den korrekten Ruhestrom ein.
Klangwahl durch Trioden- oder Ultralinear-Betrieb
Für eine Sound-Änderung muss man aber nicht unbedingt die Endstufen-Röhren wechseln. Der Jazz 90 hat nämlich bereits eine Klangwahl-Option an Bord: Mit dem „TR/UL“-Umschalter lässt man den Verstärker entweder im Trioden-Modus oder im Ultralinear-Modus agieren. Die Endstufen-Röhren werden dadurch jeweils anders betrieben, was neben dem Klangcharakter auch die Leistungsfähigkeit verändert. Pentoden liefern eine gewollt hohe Verstärkung, doch dies geht einher mit stärkeren Verzerrungen. Das kann man durch Schaltungs-Kniffe ändern: Wenn man die Pentode wie eine Triode betreibt, erzielt man zwar eine geringere Leistung, erreicht dafür aber eine linearere Verstärkung mit einem etwas weicheren Klang samt angenehm ausgeprägtem Oberton-Spektrum. Der Ultralinear-Modus hingegen ist ein gelungener Kompromiss zwischen Trioden- und echtem Pentoden-Betrieb: Hierdurch erzielt man eine höhere Leistung, was auch mehr Reservenreichtum bedeutet und damit mehr Dynamik und Kontrolle ermöglicht, und hält trotzdem die Verzerrungen ziemlich niedrig. So erreicht der Jazz 90 pro Kanal 50 Watt. Im Trioden-Modus sind es 28 Watt.

Feine Features: Mit dem TR/UL-Umschalter wählt man den Trioden-Modus (TR) oder den Ultralinear-Modus (UL). Dies verändert den Klangcharakter des Verstärkers. Es wirkt sich aber auch auf die Leistung aus: Im Trioden-Modus kann der Verstärker pro Kanal 28 Watt liefern, im Ultralinear-Modus hingegen satte 50 Watt. Der METER-Schalter lässt in der POW-Stellung die Display als VU-Meter agieren, in der BIAS-Stellung hingegen hilft das linke Display bei der korrekten Einstellung des Ruhestroms.
Potenterer Trafo, breitbandigere Übertrager
Den Klang eines Röhrenverstärkers prägen aber nicht nur die Röhren, sondern maßgeblich auch seine Übertrager. Das fängt beim Transformator an: Als Herzstück der Stromversorgung bürgt er für die Lieferfähigkeit, seine Potenz ist die Voraussetzung für Kraft, Kontrolle, Ruhe und Dynamikfähigkeit eines Verstärkers. Cayin betreibt hier seit je mit eigener Entwicklung und Fertigung großen Aufwand. So besitzt der Jazz 90 einen hochwertigen und leistungsfähigen Trafo in einem gegenüber dem Jazz 80 kraftvolleren Netzteil. Der Qualitätsanspruch gilt für die neuen, noch breitbandigeren Ausgangsübertrager: Sie besorgen die galvanische Trennung sowie die Widerstandsanpassung an die Lautsprecher – und sind die letzte Sektion der gesamten Verstärkerschaltung. Damit entscheidet ihre Güte über die Klangqualität. Diese Ausgangsübertrager haben zwei Abgriffe. Über sie stellen die Übertrager das Musiksignal für Lautsprecher mit einer Impedanz von vier oder acht Ohm bereit. Hierfür besitzt der Verstärker rückseitig erstklassige Kupfer-Klemmen. Zusätzlich bietet der Jazz 90 die Anschlussmöglichkeit für gleich zwei ergänzende Subwoofer.

Für den Lautsprecher-Anschluss bietet der Verstärker hochwertige Klemmen. Sie sind beim Jazz 90 nicht vergoldet, sondern mit Kontaktflächen in reinem Kupfer realisiert. Der Verstärker bietet für eine Anpassung an die Impedanz der Schallwandler sowohl Vier-Ohm- als auch Acht-Ohm- Anschlüsse.
Konnektivitäts-Plus durch Phono-Input
Als Alternative zur Raumbeschallung bietet der Verstärker vorderseitig eine große Klinkenbuchse für den Kopfhörer-Betrieb. Hier liegt ebenfalls ein von den Endstufenröhren verstärktes und von den Ausgangsübertragern passend transformiertes Musiksignal an. Mit diesen Lautsprecher-, Subwoofer- und Kopfhörer-Anschlüssen löst der Jazz 90 bereits ausgangsseitig den von uns unterstellten Alleskönner-Anspruch ein. Eingangsseitig unterstreicht er dies durch den neuen Phono-Eingang: Er stellt gegenüber dem Jazz 80 das große Konnektivitäts-Plus dar und macht den Verstärker auch für die Vinyl-Fraktion interessant. Der Eingang ist für Plattenspieler mit MM-System ausgelegt. Die Signalaufbereitung, also die Verstärkung des zarten Signals auf Line-Niveau und die RIAA-Entzerrung, geschieht allerdings via Transistor über rauscharme Operationsverstärker und nicht per Röhre. Die Realisation mit Glimmkolben würde wesentlich mehr Platz beanspruchen sowie einen deutlich höheren Preis ausmachen – und passt somit nicht ins Vollverstärker-Konzept. Doch nachdem das Phono-Signal dekodiert und auf Line-Level gebracht ist, genießt es wie die beiden anderen analogen Linie-Inputs fortan reine Röhren-Amplifikation.

Der Jazz 90 im Phono-Betrieb: Hier spielt er mit dem Plattenspieler Elac Miracord 60.
HiRes-Streaming via Bluetooth
HiRes-Streaming via BluetoothDies gilt ebenso für die nächste Zuspiel-Option, die den Alleskönner-Status des Jazz 90 untermauert: Über die analogen und kabelgebunden Zuspielwege hinaus bietet er digitales und strippenfreies Streaming via Bluetooth 5.1. Hier bürgen Top-Standards für ausgezeichnete Audio-Qualität: Zu den obligatorischen, aber klanglich limitierten Basis-Algorithmen SBC, AAC und MP3 kommen die Klasse-Codecs aptX (Bitrate bis 384 kbit/s, Qualität bis 48 kHz/16 bit), aptX HD (bis 576 kbit/s und 48 kHz/24 bit) und aptX LL (für minimale Signalverzögerungen bis 32 Millisekunden) – und sogar der von Sony entwickelte hochauflösende Standard LDAC (bis 990 kbit/s und 96 kHz/24 bit). Der weniger verbreitete Codec UAT wird hingegen nicht mehr unterstützt. So beweist der Jazz 90 auch hier seine Vielseitigkeit und ermöglicht ausgezeichnetes HiRes-Audio-Streaming als auch eine amtliche, bildsynchrone Film- und Fernsehton-Wiedergabe. Zur Klangqualität trägt natürlich auch der Premium-Konverter in der Digitalsektion bei: Hier wandelt mit dem ESS ES9018K2M ein hochwertiger, audiophiler 32-Bit-DAC.

Der Jazz 90 ermöglicht via Bluetooth kabelloses Streaming in HiRes-Qualität und mit geringer Latenz.
Der Cayin Jazz 90 in der Praxis
Hören wir uns den Jazz 90 endlich an! Dafür schließen wir zuerst an einen seiner beiden Line-Inputs den SACD-Player Oppo UDP-203, als Lautsprecher dient ein Paar Audio Physic Midex. Noch vor irgendeiner Musik hören wir uns allein den Verstärker an. Wir genießen nach der Röhren-Aufwärmphase zuerst das beruhigende Klacken der Relais, die die Ausgänge sauber freischalten, und danach die wohltuende Stille: Der Jazz 90 ist im Leerlauf herrlich frei von Sirren oder Brummen – selbst bei weit aufgedrehtem Volume-Poti und auch mit dem Ohr nah am Lautsprecher. Hier zeigt sich schon die Qualität der Schaltung und der Röhren und die effektive Abschirmung von Trafo und Übertragern. Musikalisch beginnen wir mit Patricia Barbers Version von „The Thrill is Gone“ – und sind etwas überrascht: Wir haben den Jazz 90 im Ultralinear-Modus gerade mal zu einem Drittel aufgedreht, trotzdem haben wir bereits einen Pegel erreicht, der unserer normalen Hörlautstärke entspricht.

Beim Bluetooth-Streaming können Android-Nutzer den LDAC-Codec nutzen– wenn das Smartphone diesen HiRes-Standard unterstützt (Bild 1). Als Player-App bietet sich hier beispielsweise „HiBy Music“ an: Die App ist intuitiv in der Bedienung und bietet mit ihren Bibliotheksfunktionen eine gute Verwaltung des eigenen Musikbestands (Bild 2). Mit Tidal oder wie hier mit Qobuz sind zudem zwei Online-Musikdienste integrierbar (Bild 3).
Präsenz und Dynamik
Die Sängerin und Pianistin wird bei ihrer jazzigen Interpretation von Bass und Schlagzeug begleitet – und gleich beim instrumentalen Start des Stücks zeigt der Jazz 90 seine Klasse: Obwohl das Trio behutsam beginnt, haben alle Instrumente eine unmittelbare Präsenz. Besonders frappant ist das beim Schlagzeug: Mark Walker schlägt nur sanft sein Ride-Becken an, doch das zarte Auftreffen des hölzernen Sticks auf das metallene Becken setzt sich sofort und mühelos durch. Auch der Bass erstaunt: Michael Arnopol beginnt mit dem Grundton, den er zwei Viertelschläge aushält – und bereits dieser Ton hat ein Volumen und eine Tragfähigkeit, mit dem er unseren Raum füllt, obwohl Arnopol auf einem Kontrabass spielt, der ja per se einen schlankeren Tiefton liefert. Barber wiederum setzt auf ihrem Klavier mit einem vollgriffigen Akkord ein, bei dem wir wunderbar ihren Tastenanschlag wahrnehmen und auch sofort die Gegenwärtigkeit des Klaviers spüren.

Rückseitig ermöglicht der Verstärker den Anschluss eines Plattenspielers mit MM-System samt Erdungs-Leitung seines Phono-Kabels und zwei weiterer analoger Zuspielern, die ein Signal auf Line-Pegel-Niveau liefern. Die links aufragende schwarze Antenne dient dem Bluetooth-Streaming. In der Output-Sektion stellt der Jazz 90 neben den üblichen Lautsprecherklemmen auch zwei Anschlüsse für Subwoofer zur Verfügung.
Auflösungsfähigkeit und Durchhörbarkeit
Diese Präsenz der Musiker ist schon mal ein Ausweis für die gute und feine Dynamikfähigkeit des Jazz 90. Sofort im Anschluss an den Auftakt der Musik erleben wir die hochgradige Auflösungsfähigkeit des Verstärkers. Bleiben wir beim Klavier: Barber bereichert ihren vollgriffig gespielten Akkord noch um eine klangschöne None in der Mittelstimme. Diese Anreicherung können wir mühelos heraushören, weil die ausgehaltenen Töne des Klaviers weder durch den Bass noch durch das Schlagzeug verunklart oder überdeckt werden. Stattdessen können wir erleben , wie sich der Klang dieser Töne in den zwei Takten, die Barber den Akkord wirken lässt, verändert: Beim Klavier schwingt durch die chorische Besaitung und den Resonanzkasten eine Vielzahl an Saiten, die verschieden oszillieren und sich beim Ausklingen mal gegenseitig verstärken, mal abschwächen und damit ein faszinierendes tonales Changieren vollführen. So entsteht der Klavier-typische, magische Klangkosmos – und den lässt uns der Jazz 90 dank seiner sehr guten Durchhörbarkeit erfahren.

Der metallene Pegelsteller punktet bei der Bedienung mit sahniger Gängigkeit. Der weiße Strich in seiner schwarzen Scheibe blinkt während der Aufwärmphase und leuchtet anschließend dauerhaft als Orientierungshilfe bei der Lautstärke-Einstellung. Rechts daneben ist der Anschluss für den Kopfhörers platziert. Er ist als große Klinkenbuchse ausgelegt.
Souveränität und satter Druck bis in den Bass
Auch beim Schlagzeug ist dank der Transparenz bestens zu hören, wie Walker seine Snare mit dem Besen spielt, mit den Borsten über das Fell streicht und zwischenzeitlich durch schnelle Rühr-Bewegungen einen tollen Raschel-Effekt erzielt. In weniger guten Wiedergaben klingt das alles nach einem diffusen Rauschen. Beim Bass bewundern wir wiederum im Verlauf des Stücks die schönen Melodielinien, mit denen Arnopol gekonnt Solo-Spiel und Fundament-Legung vereint. Weil Arnopol dabei alle Lagen seines Kontrabasses bespielt, hören wir alle Eigenarten, die dieses Instrument auszeichnen und so charakteristisch macht: das Näseln in den hohen Griffbrett-Arealen, das Knurren in den mittleren Regionen und den drahtig-trockenen, aber trotzdem vollen Ton im Bass-Bereich. Gerade im Tiefton zeigt der Jazz 90 hier seine Souveränität: Sobald Arnopol seine Saiten anzupft, spüren wir prompt den dadurch entstehenden natürlichen Druck des Bass, hören dank der Definition aber sogar die Spielgeräusche und auch das mitunter passierende Aufschlagen der Saiten auf das Griffbrett.

Die Quellwahl, Lautstärkeeinstellung und Stummschaltung ist beim Jazz 90 auch aus der Distanz bedienbar. Cayin liefert hierfür einen hochqualitativen Infrarot-Ferngeber aus Aluminium.
Trioden-Modus für den Wohlklang
Eine Ohrenweide ist nun der Gesang: Barber hat eine angenehm-sonore, tieftimbrierte Stimme und veredelt ihren Vortrag mit gefühlvollen Vibrati. Wir schließen unwillkürlich die Augen, um ganz in der schönen Stimme und dieser im Ganzen wunderbaren Wiedergabe zu baden. Der Jazz 90 stellt uns die Musik nämlich herrlich entspannt, gelassen und stimmig in den Raum. Doch eigentlich befinden wir uns im Studio 5 der Chicago Recording Company, denn der Jazz 90 lässt uns auch die Reflexionen dieses Aufnahmeraums wahrnehmen, wobei Barber zusätzlich einen markanten Hall auf ihrer Stimme hat – faszinierend! Nun interessiert uns natürlich, wie sich der Klang ändert, wenn wir in den Trioden-Modus umschalten. Ganz klar: das ist der Wohlklang-Modus. Wir merken es gleich am Gesang: Barbers aparte Stimme klingt noch wärmer und attraktiver. Doch auch der Bass ist vollmundiger und runder. Beim Schlagzeug wiederum sind die metallischen Geräusche von Becken und Besen weicher und weniger vordergründig, aber nicht undifferenzierter.

Als Phasensplitter und Treiber-Röhren kommen zwei imposante 6SN7 zum Zuge. Zwischen diesen Doppeltrioden sieht man vier LED. Sie sind als BMI (Bias Monitoring Indicator) die optischen Warnanzeigen der integrierten Überwachungsschaltung: Sie kontrolliert den Betriebszustand der Röhren und aktiviert bei Abweichungen automatisch einen Schutzmodus, der den Verstärker abschaltet.
Pentoden-Modus für Orchester-Fulminanz
Wie verhält es sich nun mit großbesetzter und hochdynamischer Musik? Zur Beantwortung wählen wir den Finalsatz von Beethovens Dritter Sinfonie in der Einspielung mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi. Wir hören das Allegro molto zuerst im Trioden-Modus: Ja, das Orchester ist schön tiefengestaffelt und plastisch. Wir erleben die Kammerphilharmonie wirklich als Klangkörper, können die Instrumentengruppen lokalisieren und hierbei wiederum einzelne Instrumente verorten. Toll ist der Dialog der Holzbläser und der Streicher, bei dem jeder Bogenstrich heraushörbar ist. Nun schalten wir in den Ultralinear-Modus – und jetzt hat das Orchester merklich mehr Aplomb: Die Instrumente zeigen eine größere Griffigkeit, Staccati sind kerniger, Tutti klingen fulminanter, Abschläge haben schlicht mehr Durchschlagskraft – und im Verbund mit unseren großen Standlautsprechern hat die Wiedergabe bei leichter Pegelsteigerung richtig Wumms. Hier ist der Ultralinear-Modus klar unser Favorit – und natürlich machen sich dabei auch das Power-Plus und der Reserven-Reichtum des Jazz 90 bezahlt.

Der Jazz 90 wird zwar standardmäßig mit vier KT 88 bestückt, doch die Endstufe kann ebenso mit einem EL 34-Quartett betrieben werden. Um die jeweils passenden Betriebsbedingungen herzustellen, bietet der Verstärker rückseitig einen Umschalter.
Amtlicher Phono-Eingang und Phones-Ausgang
Nun sind wir auf den Phono-Input des Jazz 90 gespannt. Beim Leerlauf-Test rauscht er erst in Pegel-Regionen, die deutlich oberhalb der normalen Hörlautstärke liegen. Das merken wir, als wir „Rainy Night In Georgia“ von George Benson auflegen: Wir müssen den Pegel-Knopf erst mal auf die Elf-Uhr-Position runterdrehen, weil der Jazz 90 auch hier reichlichst Dezibel liefert und dabei trotzdem hochsouverän verstärkt. Das merken wir insbesondere beim ungemein satten, vollen Bass, dessen Mächtigkeit wir auch physisch am Körper spüren. Trotzdem ist dieses Fundament bestens definiert, sodass sich angefangen bei Bensons Gesang und Gitarre über die wunderbaren Schmelz liefernde Streicher-Sektion bis hin zum akkurat-attackreichen, frisch-vitalen Schlagzeug alle Instrumente frei entfalten können. Diese definierte Basskraft und Dynamik bei sauberer Durchhörbarkeit und Transparenz liefert der Verstärker ebenso über den Kopfhörer-Ausgang. Das stellen wir fest, als wir hier unseren Dan Clark ÆON 2 Closed Back anschließen und auch hier eine runde und entspannte Musikwiedergabe genießen.

Der Jazz 90 ist mit seinem Röhrenensemble und den Zeiger-Displays auch optisch ein Highlight im Ambiente. Weil Röhrenverstärker sensible auf Vibrationen reagieren, lohnt sich ein Soundtuning mit einer Vibrationen abhaltenden und absorbierenden Stellfläche – wie hier der Lehmannaudio 3S Basis 480.
Bluetooth-Streaming in Top-Qualität
Wechseln wir von der kabelgebundene Wiedergabe zum strippenlosen Streaming, das mit einem abonnierten Musikdienst auch musikalisch alle Freiheiten bietet. Wir kehren über unseren Qobuz-Account aber erst einmal zu „The „Thrill is Gone“ zurück. Dank des HiRes-Codec LDAC klingt die Wiedergabe des Stücks auch via Bluetooth derart gut, dass wir selbst beim Hin- und Herschalten zwischen CD und Blauzahn-Funk nur beim genauen Hinhören die Unterschiede feststellen. Auch bei anderen Nummern beweist der Jazz 90 seine Bluetooth-Klasse: Bei „Big Picture“ von London Grammar erfahren wir die tolle Klangfülle und Räumlichkeit, die gerade durch den großartigen Hall des Gesangs und die tollen Echos der Gitarre ein eindrucksvolles 3D-Erlebnis bieten, bei Donald Fagens „Security Joan“ imponiert uns die sehr gute Durchhörbarkeit, obwohl hier 14 Musiker mitwirken und einen dichten Vokals- und Instrumentalsatz liefern, bei Yellos „The Cloud“ schließlich genießen wir den tollen Tiefton und die einhüllende Fülle an Klangflächen und Sound-Samples.

Der Jazz 90 im Hörtest: Als Schallwandler dienen hier die Piega Premium 801.
Fazit
Der Cayin Jazz 90 erweitert mit Bravour das Erfolgsrezept des Jazz 80. Gegenüber seinem kleinen Bruder bietet er mit potenterem Netzteil, anderen Treiberröhren, modifizierter Schaltung und neuen Übertragern ein deutliches Power- und Performance-Plus. So kann der Verstärker auch anspruchsvolle Lautsprecher sowie zwei Subwoofer antreiben – und glänzt mit einer kraftvolleren, bis in den Bass hinab druckvolleren und definierteren Darbietung inclusive fulminanterer Dynamik. Durch seine ebenfalls größeren Reserven gelingt dem rauscharmen Jazz 90 zudem eine noch ruhigere, entspanntere, souveränere Wiedergabe. Dank der Umschaltbarkeit zwischen Trioden- und Ultralinear-Modus bietet er überdies zwei verschiedene Klang-Charakteristika. Zudem zeichnet sich der Jazz 90 durch seine Anschlussvielfalt aus: Zu zwei Line-Inputs und einer Top-Bluetooth-Sektion für kabelloses Streaming in HiRes-Qualität gesellt sich nun ein sauber realisierter Phono MM-Eingang, wodurch der Verstärker auch für Vinylisten interessant ist. Nicht zuletzt bietet er einen Kopfhörer-Ausgang für den Lautsprecher-losen, privaten Musikgenuss. So glänzt der Jazz 90 als Alleskönner mit Röhren-Power.
Test & Text: Volker Frech
Fotos: Simone Maier
Klasse: Spitzenklasse
Preis/Leistung: sehr gut
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Technische Daten
| Modell: | Cayin Jazz 90 |
|---|---|
| Produktkategorie: | Vollverstärker |
| Preise: | 2.998,00 € |
| Garantie / Gewährleistung: | 1 Jahr / 2 Jahre |
| Ausführung: | - Front: Silber oder Schwarz - Gehäuse, Übertrager-Abdeckungen, Käfig: Anthrazit-Metallic |
| Vertrieb: | Cayin Audio Distribution GmbH, Glashütten-Schlossborn Tel.: +49 6174 9554412 www.cayin.de |
| Prinzip: | Röhrenvollverstärker, Class AB, Gegentakt-Ausgangsstufe |
| Abmessungen (HBT): | 215 mm x 420 mm x 379 mm |
| Gewicht: | 25,9 kg |
| Eingänge/Streaming-Wege: | 1 x Phono MM 2 x Line unsymmetrisch (Cinch) 1 x Bluetooth |
| Eingangsempfindlichkeit: | - Line: 300 mV (Herstellerangabe) - Phono: 3 mV (Herstellerangabe) |
| Eingangsimpedanz: | - Line: 100 kΩ (Herstellerangabe) - Phono: 47 kΩ (Herstellerangabe) |
| Ausgänge: | 1 x Kopfhörer unsymmetrisch (Klinke, 6,35 mm) 1 x Lautsprecher (2 Abgriffe für 4 Ω und 8 Ω) 1 x Subwoofer (voller Frequenzbereich) |
| Ausgangsleistung: | - 2 x 28 W (Trioden-Modus) - 2 x 50 W (Ultralinear-Modus) (Herstellerangaben) |
| Röhren: | - Spannungsverstärkerstufe: 2 x 12AX7 (= ECC83) - Splitter-/Treiberstufe: 2 x 6SN7 - Endstufe: 4 x KT88 oder 4 x EL34 |
| Eingangsimpedanz: | - Line: 100 kΩ (Herstellerangabe) - Phono: 47 kΩ (Herstellerangabe) |
| Ausgangsimpedanz: | - Lautsprecher: 4Ω, 8Ω (Herstellerangabe) - Kopfhörer: 16 - 300 Ω (Herstellerangabe) |
| Frequenzbereich: | 9 Hz - 45 kHz (±3dB, UL) (Herstellerangabe) |
| Klirrfaktor: | 0,2 % (1 W / 1 kHz) (Herstellerangabe) |
| Fremdspannungsabstand: | 100 dB (A-gewichtet) (Herstellerangabe) |
| Leistungsaufnahme (max.) | 310 W (Herstellerangabe) |
| Bluetooth-Version: | 5.1 |
| Bluetooth-Standards/-Codecs: | LDAC, aptX, aptX HD, aptX LL (Low Latency), SBC, AAC |
| Bluetooth-Reichweite: | ≤ 10 m |
| Bluetooth/DAC-Chips: | - Bluetooth: Qualcomm QCC5125 - DAC: ESS ES9018K2M |
| Lieferumfang: | - Cayin Jazz 90 - Gitterkorb (aufsteckbar) - Fernbedienung - Bluetooth-Antenne - Netzkabel (1,5 m) - 2 Ersatzsicherungen (1,6 A, 3,15 A) - Handschuhe - Reinigungstuch - Bedienungsanleitung (Englisch) |
| Pros und Contras: | + sehr rauscharme Performance + hochgradige Auflösungsfähigkeit + erstklassige Durchhörbarkeit + hohe Präsenz und Plastizität von Stimmen und Instrumenten + sehr gute Raumabbildung mit gelungener Tiefenstaffelung + stimmig-runde, entspannte und ruhige Wiedergabe + kraftvolle Wiedergabe mit reichlich Reserven + ausgezeichnete Dynamikfähigkeit + souveräner, definierter Bass mit sattem Tiefton + amtlicher Phono-Vorverstärker + saubere Kopfhörer-Wiedergabe + treibt auch anspruchsvolle Lautsprecher an + Ultralinear- und Trioden-Modus für verschiedene Klangcharaktere + Kopfhörer-Ausgang + Softstart-Funktion und Hochspannungsverzögerung zur Röhrenschonung + Bias-Trimmer für optimale Ansteuerung jeder Endstufenröhre und präzise Abgleich aller Kanäle + VU-Meter zur Bias-Justage und für die Pegel-Anzeige + Endstufenröhren-Überwachung und Schutzschaltung + mit KT88 oder EL34-Pentoden betreibbar (Umschalter auf Verstärkerrückseite) + Anschlüsse für 4- und 8-Ohm-Lautsprecher + 2 Subwoofer-Outputs + Bluetooth-Streaming in HiRes-Qualität + hochwertige Aluminium-Fernbedienung + attraktives Design + elegant gestalteter Käfig + schockabsorbierende Füße + sehr gute Verarbeitung - prinzipbedingt höherer Stromverbrauch und Hitzeentwicklung |
| Benotung: | |
| Klang (60%): | 93/95 |
| Praxis (20%): | 93/95 |
| Ausstattung (20%): | 95/95 |
| Gesamtnote: | 93/95 |
| Klasse: | Spitzenklasse |
| Preis/Leistung: | sehr gut |
| Getestet mit: | - Plattenspieler: Transrotor Dark Star - Abtastsystem: Transrotor Uccello - SACD-Player: Oppo UDP-203 - Lautsprecher: Audio Physic Midex - Kopfhörer: Dan Clark ÆON 2 Closed Back - Signalkabel: Audioquest Black Beauty RCA - Lautsprecherkabel: Audioquest Rocket 88 |














































