AVID Ingenium – Well Done AVID Ingenium – Well Done

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Redakteur

Wissen Sie, was die Figuren Captain Kirk, Harvey Specter aus „Suits“, Dr. House, Jack Harper aus „Oblivion“ und Hank Moody aus „Californication“ gemeinsam haben? Sie alle hören Musik von Schallplatte. Wir haben uns dem angeschlossen und uns ausführlich mit dem Kleinsten aus dem AVID-Produktprogramm, dem Ingenium, beschäftigt.

Für unseren Test haben wir den AVID Ingenium im Paket mit dem beliebten Pro-Ject 9cc Tonarm eingeladen.

Für unseren Test haben wir den AVID Ingenium im Paket mit dem beliebten Pro-Ject 9cc Tonarm eingeladen.

 

Plattenspieler sind seit einigen Jahren wieder in aller Munde. Kein Wunder, dass kaum ein Kino- oder Serienheld ohne ein entsprechendes Modell auskommt. Besonders guten Geschmack beweist Hank Moody aus der preisgekrönten Showtime-Serie „Californication“. Der hat nämlich einen AVID Volvere – sozusagen das Standard Modell des britischen Herstellers. Wir begnügen uns mit dem kleinen Ingenium, der im Paket mit dem beliebten Pro-Ject 9cc Tonarm insbesondere für (Wieder-)Einsteiger in die analoge Klangwiedergabe interessant sein dürfte.

Der Hersteller

Es ist gerade einmal drei Monate her, dass eine Handvoll ausgewählter HiFi-Publikationen – darunter natürlich auch das lite-Magazin – die Ehre hatten, einmal hinter die Kulissen von AVID schauen zu dürfen und sich auf den Weg ins englische Huntingdon machten. Dabei erläuterte Conrad Mas, der sympathische Gründer des Kimboltoner Unternehmens, uns die Geschichte seiner Firma – angefangen beim Entwurf des ersten Prototypen bis zum heutigen Tage. Nachhaltig beeindruckt hat mich dabei insbesondere der Aufwand, den der Brite seit Beginn der Achtziger Jahre betrieben hat, um die besten Plattenspieler ihrer Preisklasse zu bauen. Gegründet wurde die Firma AVID, deren Name übrigens ein Akronym ist und ausgeschrieben „A Very Interesting Design“ bedeutet, aber erst 1995, als die Schallplattenverkäufe und die der entsprechenden Abspielgeräte gerade an ihrem Tiefpunkt angelangt waren. Trotzdem hat es Conrad mit seinen Plattenspielern zu weltweiter Bekanntheit gebracht. Der berühmteste Besitzer eines AVID-Plattenspielers ist wohl das russische Staatsoberhaupt Wladimir Putin. Der hört – natürlich standesgemäß – mit dem größten Modell, dem Actus Reference.

Sieht gut aus und klingt noch besser: Das Trio aus AVID Ingenium, Denon DL103 und Oehlbach XXL Phono PreAmp Ultra konnte klanglich wie optisch auf ganzer Linie überzeugen.

Sieht gut aus und klingt noch besser: Das Trio aus AVID Ingenium, Denon DL103 und Oehlbach XXL Phono PreAmp Ultra konnte klanglich wie optisch auf ganzer Linie überzeugen.

Ein besonders interessantes Design

Der Ingenium hingegen ist das Einsteigermodell, das durch den Ruf nach einer günstigeren Alternative zum (ohne Tonarm) gut 2.000 Euro kostenden AVID Diva geboren wurde. Die AVID-Designphilosophie wurde also eingedampft und auf das Wesentliche reduziert, essenzielle Vorgaben und Komponenten wurden aber selbstredend beibehalten. Dabei herausgekommen ist ein Plattenspieler, der in seiner Preisklasse wohl einzigartig aufwändig ist und mit den allermeisten vergleichbar teuren „Brettspielern“ nur wenig zu tun hat. Das Chassis des (wie alle anderen Produkte des Herstellers) komplett in der hauseigenen Werkstatt im Firmensitz in Kimbolton gefertigten Plattenspielers besteht aus einem T-förmigen Teil aus Aluminium, das als Basis dient und alle weiteren Bauteile trägt. Der Längsbalken nimmt Lager sowie Tonarm auf, der Querbalken hingegen dient ausschließlich dem sicheren Stand des kleinen AVID. Dank seiner simplen Geometrie ist der Ingenium als einziges Modell der gesamten Produktpalette auf Wunsch auch als Version für 10- oder 12-Zoll-Tonarme und sogar für zwei Arme lieferbar. Der Chef selbst hält davon aber eigentlich nichts, denn die Nachteile, die ein längerer Arm mit sich bringt, überwiegen die Vorteile bei Weitem, darum beschränkt er sich bei seinen anderen Drehern auf die Vorbereitung für 9-Zoll-Arme.

Auf diesen Füßen aus klebrigem Sorbothane steht der AVID Ingenium perfekt vom Untergrund entkoppelt. Damit er dennoch verschiebbar bleibt, sind Filzgleiter in den Dämpfern integriert.

Auf diesen Füßen aus klebrigem Sorbothane steht der AVID Ingenium perfekt vom Untergrund entkoppelt. Damit er dennoch verschiebbar bleibt, sind Filzgleiter in den Dämpfern integriert.

 

Aus dem größeren Diva ist das Tellerlager entliehen, bei dem es sich um ein sogenanntes invertiertes Lager handelt. Eine ausgeklügelte Konstruktion, die genau anders herum funktioniert, als man es von klassischen Plattenspielern gewohnt ist: Der konische Lagerdorn aus Stahl ist, nach oben aufragend, fest mit dem Chassis verbunden und nimmt an seiner abgeflachten Spitze eine kleine Kugel aus Wolframkarbid, einem extrem harten Metall, auf. Darauf liegt der äußere Teil des Lagers, der seinerseits fest mit dem Subteller verbunden ist. Durch die konische Form des Lagers und die kleine Kugel, die in einen Lagerspiegel aus Saphir greift und sämtliche vertikalen Kräfte aufnimmt, ist das Lager nahezu verschleißfrei und besonders geräuscharm. Daher kommt es sogar fast ohne Schmierung aus. Es ist lediglich ein dünner Ölfilm vonnöten, der automatisch aus einem kleinen Reservoir über dem Lagerspiegel gespeist wird.

Das minimalistische Chassis des Ingenium besteht aus lediglich zwei Teilen, die aus massivem Aluminium gefertigt sind. Diese besonders stabile und resonanzarme Bauweise ist elementarer Bestandteil der AVID-Designphilosophie.

Das minimalistische Chassis des Ingenium besteht aus lediglich zwei Teilen, die aus massivem Aluminium gefertigt sind. Diese besonders stabile und resonanzarme Bauweise ist elementarer Bestandteil der AVID-Designphilosophie.

 

Ein weiterer großer Vorteil dieser Lagerkonstruktion ist die schnelle Ableitung aller bei der Abtastung der Schallplatte auftretenden Vibrationen in das Chassis. Von dort aus finden sie dann ihren Weg in einen der drei Füße aus Sorbothane, die durch ihre gummiartige Konsistenz sämtliche anfallenden Schwingungen umgehend in Wärme umsetzen. Gegen intensiven Trittschall hilft so eine Art Dämpfung natürlich nicht. Und trotzdem ist der Ingenium dafür deutlich weniger anfällig als die meisten echten Subchassis-Plattenspieler.

Der Subteller aus Aluminium ist fest mit dem äußeren Teil des aufwändigen Lagers verbunden. Dadurch besteht eine spielfreie Verbindung zwischen Tonarm und Plattendorn, so dass jede Relativbewegung zwischen beiden Komponenten vollkommen ausgeschlossen ist.

Der Subteller aus Aluminium ist fest mit dem äußeren Teil des aufwändigen Lagers verbunden. Dadurch besteht eine spielfreie Verbindung zwischen Tonarm und Plattendorn, so dass jede Relativbewegung zwischen beiden Komponenten vollkommen ausgeschlossen ist.

 

Komplett ausgelagert ist der ebenfalls selbst gefertigte Motor. Er steht hinter dem Chassis in einer schweren Motordose, die durch einen Gummiring vom Untergrund entkoppelt ist und den Innenteller über einen klassischen runden Silikon-Riemen antreibt. Ist der Plattenteller aufgelegt, verschwinden Motor und Riemen vollständig darunter und sind nicht mehr sichtbar. Verstecken müsste man die feine Mechanik allerdings nicht!
Die Drehzahl wird dem kräftigen Synchronmotor von der Netzfrequenz vorgegeben, ein separates Netzteil gibt es nämlich nicht. Das stört aber nicht weiter, denn schließlich ist die Netzfrequenz europaweit einheitlich festgelegt. Zum Einschalten ist an der Zuleitung ein kleiner Schalter montiert, bei dessen Betätigung der Teller innerhalb gut einer Sekunde auf Nenndrehzahl beschleunigt bzw. zum Stillstand abgebremst wird. Wer Singles oder Audiophile-45er-Platten hören möchte, der muss am Motorpulley den Riemen umlegen.

Mit abgenommenen Plattenteller kommt die ganze Schönheit der handwerklich absolut perfekt gearbeiteten Klang-Maschine voll zur Geltung.

Mit abgenommenen Plattenteller kommt die ganze Schönheit der handwerklich absolut perfekt gearbeiteten Klang-Maschine voll zur Geltung.

 

Britisch-Österreichische Zusammenarbeit

Standardmäßig wird der Ingenium mit dem tausendfach bewährten, österreichischen Carbon-Tonarm 9cc der Firma Pro-Ject ausgeliefert. Ausgesucht hat Conrad den Arm, der ohnehin einen exzellenten Ruf genießt, da er am besten zur AVID-Philosophie passt. Das Tonarmrohr ist nämlich einteilig und komplett aus besonders stabilem Kohlefasergewebe gefertigt. Dadurch werden Vibrationen schnell vom Tonabnehmer abgeleitet und gelangen auf dem oben schon beschrieben Weg an das dämpfende Ziel, wo sie letztlich beseitigt werden. Außerdem ist der Tonarm als mittelschweres Exemplar mit besonders vielen Tonabnehmern kompatibel, so dass man weitgehend freie Hand bei der Abtasterwahl hat. Nur zu groß sollte der Korpus nicht werden, denn im Headshell geht es recht beengt zu.

Wir entschieden uns für das Denon DL103. Ein Tonabnehmer, der ursprünglich für Rundfunk- und Studioanwendungen entwickelt wurde und seit über 50 Jahren gebaut wird. Es gibt wohl kaum einen Tonabnehmer, der beliebter ist und so eine große Fangemeinde um sich scharen konnte wie der Denon-Klassiker.

Der exzellente Pro-Ject 9cc Carbon-Tonarm passt von seinem technischen wie optischen Design perfekt zum AVID.

Der exzellente Pro-Ject 9cc Carbon-Tonarm passt von seinem technischen wie optischen Design perfekt zum AVID.

 

In der Praxis

Auch wenn der Aufbau des Ingenium recht einfach und durch die bebilderte Anleitung selbst für Laien durchaus durchführbar ist, kann ich Ihnen dennoch nur raten, die Aufstellung dem Händler zu überlassen. Der hat nämlich mehr Erfahrung als ein Hobby-Hörer haben kann und weiß meist ziemlich genau, was er tut. Spätestens, wenn es an das Montieren und Justieren des empfindlichen Tonabnehmers geht, kann man viel falsch machen.

Ist der Zusammenbau erledigt, braucht es noch eine geeignete Standfläche. Der AVID Ingenium begnügt sich dabei mit einer ebenen Fläche, die waagerecht ausgerichtet ist. Das können ein HiFi-Rack, ein kleiner Tisch oder ein Wandhalter sein. Große klangliche Unterschiede konnte ich bei der Aufstellung unter verschiedenen Bedingungen nicht feststellen. Für die Verstärkung wird ein mal mehr der kleine Oehlbach XXL Phono PreAmp Ultra verpflichtet, der mich schon im Einzeltest mit seiner Performance enorm beeindruckt hat.

Der kräftige Synchron-Motor wird samt seiner soliden Behausung komplett in Kimbolton gefertigt. Von Hand versteht sich.

Der kräftige Synchron-Motor wird samt seiner soliden Behausung komplett in Kimbolton gefertigt. Von Hand versteht sich.

 

Vor lauter Neugierde habe ich dann wahllos die erstbeste Platte aufgelegt, die mir in die Hände fiel und war erstmal baff. „Crossroads Guitar Festival 2013“ habe ich in den letzten Wochen öfter gehört, als ich zählen könnte, doch die Performance des kleinen Ingenium hat mich jetzt doch regelrecht umgehauen. Er entwickelt einen derart knackigen und straffen Bass, wie ich es von einem Plattenspieler mit vergleichsweise leichtem Holzteller nicht erwartet hätte. Und das obwohl es heißt, der Pro-Ject würde mit dem DL103 nicht harmonieren. Stimmt nicht, kann ich ihnen sagen!
Dann diese Räumlichkeit. Sänger und Instrumente stehen wie festgenagelt an ihrem Platz und zwar scharf umrissen und stimmig, als hätten sie nie etwas anderes getan. Bis jetzt bin ich echt beeindruckt. Also gleich die nächste Platte aufgelegt: Einen Klassiker, die zweite Dire Straits, letztes Stück „Follow Me Home“, mit den brandenden Wellen zu Beginn. Es it mir fast etwas peinlich, das zuzugeben; aber zum ersten Mal habe ich so richtig gehört, wie die Wellen von rechts nach links durch den Hörraum schwappen. Das hatte ich sonst nie so wahrgenommen. Was tun also? Nächste Platte auflegen natürlich. Diesmal mit Frauenstimme. Eine kleine Herausforderung für jeden Plattenspieler. Katie Meluas „Cannes Heat“-Cover „On The Road Again“. Einen der wenigen Songs, die ich eigentlich mit jedem Gerät einmal höre. Die Tendenz bleibt bestehen, ein voller und runder Klang und wieder diese beeindruckende Räumlichkeit. Zum ersten Mal fällt mir aber auch eine Kleinigkeit auf, die ich schon besser gehört habe, die Auflösung der hohen Stimme nämlich, da geht mehr. Ob das am taufrischen Tonabnehmer oder am Plattenspieler lag, vermag ich allerdings nicht zu sagen.

Zum Tonarm gehört ein hochwertiges Phonokabel, das die winzigen Signale des Tonabnehmers verlustfrei zum Verstärker transportiert.

Zum Tonarm gehört ein hochwertiges Phonokabel, das die winzigen Signale des Tonabnehmers verlustfrei zum Verstärker transportiert.

 

Wie auch immer, spielfertig kostet die Kombi unter 2.000 Euro und dafür ist das Gebotene immer noch ganz großes Kino! Und, das ist neu, ich habe nach dem einen Stück nicht Schluss gemacht, sondern anschließend die ganze Platte durchgehört, so viel Freude macht der quirlige kleine Ingenium. Mindestens genau so beeindruckt haben mich, ein Mal mehr, die „American Recordings“ von Johnny Cash. Erstaunlicherweise gefiel mir die Wiedergabe der im Laufe der Aufnahmen immer brüchiger werdenden Stimme dabei nämlich ausgezeichnet gut. Aber Mister Cash sang halt auch einige Oktaven tiefer als Fräulein Melua. Vielleicht macht das hier schon den Unterschied. Ich könnte jetzt ewig noch so weiter schreiben, denn ich habe wirklich selten so viel Freude an einem Testgerät gehabt wie an dem AVID Ingenium und daher auch besonders viel gehört – aber ich möchte Sie, liebe Leser, nicht langweilen. Stattdessen möchte ich Ihnen ans Herz legen, sich den AVID-Einsteiger einmal selbst „live“ anzuhören.

Ein Teil des feinen Tellerlagers ist im Betrieb unter dem Plattenteller sichtbar. Wenn Sie mich fragen, ein ziemlich gelungenes Design, an dem ich mich kaum satt sehen kann.

Ein Teil des feinen Tellerlagers ist im Betrieb unter dem Plattenteller sichtbar. Wenn Sie mich fragen, ein ziemlich gelungenes Design, an dem ich mich kaum satt sehen kann.

Fazit

Was passiert, wenn die Leidenschaft an feinem Maschinenbau und höchste Anforderung an den Klang aufeinander trifft? Dann entsteht ein Plattenspieler wie der AVID Ingenium. Mit pfiffigen Detaillösungen, einem durchdachten Gesamtkonzept, einwandfreier Fertigungsqualität und hervorragendem Klang. Um es kurz zu machen: Ich behaupte, für den aufgerufenen Preis des kleinen AVID Ingenium ist es mindestens fast unmöglich, etwas Besseres zu bekommen!

Test & Text: Jonas Bednarz
Fotos: www.lite-magazin.de

Gesamtnote: 1,0
Klasse: Oberklasse
Preis-/Leistung: hervorragend

95 %

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150531.Avid-Testsiegel

Technische Daten

Modell:Avid Ingenium
Produktkategorie:Plattenspieler
Preis:2.000,00 Euro (inkl. hier genutztem Tonarm)
Garantie:2 Jahre
Ausführungen:- schwarz
Vertrieb:IDC Klaassen, Lünen
Tel.: 0231 / 9 86 02 85
www.idc-klaassen.com
Abmessungen (HBT):370 x 130 x 305mm
Gewicht:5,9 Kg
Tonarm (optional):Pro-Ject 9cc
Tonabnehmer (optional):Denon DL103
Besonderes:- innovatives Motorkonzept
- hervorragende Verarbeitung
- futuristisches Design
Benotung:
Klang (60%):1,0
Praxis (20%):1,0
Ausstattung (20%):1,0
Gesamtnote:1,0
Klasse:Oberklasse
Preis-/Leistunghervorragend

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